17. Dezember | Adventskalender

Der musikalische Adventskalender

17. Dezember

Weihnachten in Nordamerika

Der musikalische Adventskalender von Lingua & Musica führt uns heute über den großen Teich – in die Vereinigten Staaten von Amerika. An vielen Orten der USA werden mit viel Liebe zum Detail und großem Aufwand ganze Häuser und Gärten in funkelnde Weihnachtslandschaften verwandelt. Außerdem finden wir noch zwei bekannte Spirituals.

Von Großbritannien nach Nordamerika

Wie bereits im musikalischen Adventskalender vom 15. Dezember erwähnt, wurden die Weihnachtsbräuche von den britischen Siedlern nach Nordamerika mitgebracht und auch von den ehemaligen britischen Kolonien übernommen. Außerdem verschmolzen die christlichen Weihnachtsbräuche mit alten Bräuchen der Winterfeste aus vorchristlicher Zeit. 

Christmas Eve & Christmas Day, Santa Claus & Turkey

Weihnachten wird in den Vereinigten Staaten in der Regel am 25. Dezember, dem Christmas Day, gefeiert. Der Überbringer der Geschenke heißt in den USA Santa Claus. Die Kinder bekommen viele Geschenke von ihren Eltern und Verwandten. Dies hat dazu geführt, dass der Christmas Day immer mehr kommerzialisiert wurde und die Familien einen großen Teil ihres Einkommens für Geschenke und Nahrung ausgeben. 

Viele Sonntagsschulen, Kirchen und Vereine organisieren spezielle Charity-Events und andere Veranstaltungen wie Krippenspiele, Konzerte oder Theateraufführungen, die häufig ein weihnachtliches Thema behandeln.

Der Besuch eines Gottesdienstes am Sonntag vor Weihnachten und der Mitternachtsmesse am Heiligen Abend, dem Christmas Eve, gehören ebenso zu den Traditionen. 

Auch in den Vereinigten Staaten hängen die Kinder am Abend des 24. Dezember ihre Socken am Kamin auf, damit Santa Claus diese mit Geschenken befüllen kann. Die Sitte, in der Nähe ein Glas Milch und einen Teller mit Weihnachtsgebäck für Santa Claus abzustellen, ist in den USA ebenfalls verbreitet.

Der gefüllte Truthahn (turkey with stuffing) ist auch in den USA das traditionelle Weihnachtsessen. Dazu werden Kartoffeln, geröstete Gemüse und Cranberry-Sauce serviert. Außerdem gibt es Schinken (ham), Roastbeef und Yorkshire pudding. 

Im Jahre 1870 wurde der 25. Dezember in den Vereinigten Staaten offiziell zum Feiertag erklärt. Am Christmas Day kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Behörden, Betriebe und Schulen sind geschlossen. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht nach dem regulären Fahrplan. Da viele Leute Verwandte und Freunde besuchen, kann es auf den Highways und an den Flughäfen zu Staus kommen. 

Weihnachten wird in den USA durch eine große Auswahl an Figuren und Objekten dargestellt: Das Jesuskind, die Geburt Jesu, die drei Heiligen Könige, aber auch Santa Claus, das Rentier und Elfen, Tannenbäume, Stechpalme, Christbaumschmuck, Lichterketten, Kerzen und Geschenke sind überall gegenwärtig. 

Ethnische Musikstile 

Analog zu den Bevölkerungsgruppen, die nach Amerika eingewandert sind, bildeten sich in der Neuen Welt auch verschiedene ethnische Musikstile heraus, welche (je nach Herkunft) angloamerikanische, afroamerikanische oder auch lateinamerikanische bzw. hispanoamerikanische Merkmale aufweisen. 

Christmas Carols 

Die Christmas carols, die traditionellen Weihnachtslieder, die in den Gottesdiensten der anglikanischen Kirche gesungen werden, wurden durch die weißen Siedler auch in Nordamerika eingeführt.

Wie bereits im Beitrag vom 15. Dezember erwähnt, haben die Christmas carols ihre Wurzeln im England des Mittelalters, als die Minnesänger noch singend von Schloss zu Schloss gezogen sind. In früheren Zeiten gingen auch die Kinder aus ärmeren Familien zu den Häusern der Reichen, um milde Gaben zu erbitten. Christmas Carols sind ein wichtiger Bestandteil der angloamerikanischen Gottesdienste. 

Spiritual Song 

Das Spiritual, auch Spiritual Song genannt (nicht zu verwechseln mit dem sogenannten ’Negro Spiritual’), ist ein geistliches Volkslied der weißen Bevölkerung Amerikas und stammt aus der Zeit der Erweckungsbewegung. Der Begriff hat seinen Ursprung in einer Sammlung protestantischer Gesänge mit dem Titel The whole book of psalmes. With the hymnes evangelicall and songs spirituall von Thomas Ravenscroft (1621). Oft wird das Wort Spiritual Song fälschlicherweise als Synonym für Negro Spiritual gebraucht. 

Negro Spiritual 

Das sogenannte Negro Spiritual ist eine Musikgattung religiöser, jedoch nicht liturgischer Gesänge der Afroamerikaner. Das Negro Spiritual hat seinen Ursprung in den Südstaaten der USA. 

Die Bezeichnung Negro Spiritual – das soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden – wird hier keineswegs abfällig oder diskriminierend verwendet, sondern bezeichnet lediglich den in der Musikgeschichte gebräuchlichen Terminus für einen Musikstil, der ganz charakteristische ethnische – eben afroamerikanische – Merkmale aufweist. Vor dem Hintergrund der Geschehnisse, welche diese Bevölkerungsgruppe im Laufe der Geschichte erleiden musste (Verschleppung und Sklaverei, Ausbeutung und Entrechtung, Rassentrennung und Diskriminierung) wäre es wohl besser, in diesem Zusammenhang von einem Afro-American Spiritual (im Unterschied zum Anglo-American Spiritual) zu sprechen. Jedoch hat sich der Begriff Negro Spiritual in der Musikgeschichte für diese Gattung etabliert und wird nach wie vor in der Fachliteratur gebraucht. 

Das Negro Spiritual hat seinen Ursprung bereits im 17. Jahrhundert, als im Zuge mehrerer Deportationswellen Millionen von Schwarzen aus Afrika nach Amerika verschleppt und versklavt wurden. Sie mussten auf den Baumwoll-Plantagen der weißen Herren harte Arbeit leisten. Jedes Aufbegehren wurde mit Peitschenhieben hart bestraft. 

Durch die Teilnahme an den sonntäglichen Gottesdiensten ihrer weißen Herren lernten die Afroamerikaner bereits ab dem 17. Jahrhundert die protestantischen Spritual Songs kennen und vermischten diese mit ihren afroamerikanischen Stilelementen.

Um ihr schweres Schicksal besser ertragen zu können, sangen die afroamerikanischen Sklaven ihre Gesänge nicht nur im Gottesdienst, sondern auch auf den Plantagen. Während sie ihre Arbeit auf den Plantagen verrichteten, bewegten sie sich im Rhythmus der Gesänge. Die Texte der Negro Spirituals weisen zahlreiche Metaphern und eine Doppeldeutigkeit auf. Weil sich die Sklaven mit Moses und dem geknechteten Volk Israels in Ägypten identifizierten, wurden in ihre Spirituals häufig Themen aus dem Alten Testament aufgenommen. Der Jordan zum Beispiel wurde zum Symbol für den Ohio-Fluss und die Sehnsucht nach dem Jenseits des Flusses, dem Norden.   

Die typische Form des Negro Spirituals ist einstimmig und beruht auf dem Call-Response-Prinzip (Ruf-Antwort-Prinzip): Der erste Teil wird von einem Vorsänger vorgetragen und der Refrain vom Chor gesungen. Der Vortrag wird auch von Zwischenrufen, Fußstampfen und Händeklatschen begleitet. Die Liedform wurde vom Abendland übernommen, jedoch wurde das Thema vielfältig variiert und verziert. Die Rhythmik des Negro Spirituals ist geprägt durch den aus der afrikanischen Musizierpraxis stammenden Offbeat („weg vom Schlag“, also gegen den Schlag). Für die Harmonik sind sogenannte Blue Notes ein charakteristisches Merkmal. Blue Notes (wörtlich: blaue Noten) sind einzelne Töne, die aus der normalen Tonskala herausfallen und vor allem auf der dritten, siebten und fünften Tonstufe vorkommen, wobei die Intonation sich vom westlichen Tonsystem wesentlich dadurch unterscheidet, dass der Ton jeweils zwischen der kleinen und großen Terz, zwischen der kleinen und großen Septime bzw. zwischen der verminderten und reinen Quinte liegt.

Gospel  

Das Gospel, auch Gospel Song genannt (von englisch good spell, ‚Evangelium‘, ‚Gute Nachricht‘, hergeleitet vom Altenglischen gōdspel, gōd ‚gut‘ und spel ‚Erzählung‘, ‚Nachricht), hat sich seit den 1920er Jahren aus dem früheren Negro Spiritual und unter dem Einfluss des Jazz entwickelt. Seinen Ursprung hat das Gospel in den spontanen Zurufen der Gemeindemitglieder während der Auslegung des Evangeliums durch den Prediger. Der Gospelsong wird solistisch und chorisch ausgeführt. Auch hier findet sich das für die afroamerikanische Volksmusik und den Jazz charakteristische Call-Response-Prinzip, das Ruf-Antwort-Muster. 

Go Tell It On The Mountain 

Zu den afroamerikanischen Spirituals gehört auch das Lied Go Tell It On The Mountain, das von der Geburt Jesu Christi handelt und daher auch als Weihnachtslied anzusehen ist. Es entstand gegen Ende der Sezessionskriege und wird auf das Jahr 1865 datiert. 

Da die Gesänge der Schwarzen mündlich überliefert wurden, sind Komponist und Texter unbekannt. John Wesley Work, ein afroamerikanischer Liedersammler und Chordirigent, hat es erstmals schriftlich erfasst und in seiner Sammlung American Negro Songs veröffentlicht. Da die Strophen des mündlich überlieferten Textes stark variierten, fügte Work der Melodie zwei Strophen hinzu. Die von ihm niedergeschriebene Version wurde bereits in den 1880er Jahren von seinem Chor, den Fisk Jubilee Singers, aufgeführt. Die Fassung von John Wesley Work Sr. wurde 1909 in der von Thomas P. Fenner zusammengestellten Liedersammlung Religious Folk Songs of the Negro as Sung on the Plantations veröffentlicht. Die heute bekannte Fassung des Liedes wurde von Works Sohn, John Work III., arrangiert und 1940 in der Ausgabe American Negro Songs And Spirituals veröffentlicht. Unter dem Titel Komm, sag es allen weiter wurde das Lied ins Evangelische Gesangbuch, unter EG 225, aufgenommen.

Go Tell It On The Mountain, Noten
Go Tell It On The Mountain, Thomas P. Fenner, Religious Folk Songs of the Negro as Sung on the Plantations (1909), archive.org, Public Domain

Englischsprachige Originalfassung 

Go, tell it on the mountain,
Over the hills and everywhere.
Go, tell it on the mountain,
That Jesus Christ is born.
 

Sinngemäße deutsche Übersetzung 

Geh, ruf es vom Berg,
Über die Hügel und weit hinaus.
Geh, ruf es vom Berg,
Dass Jesus Christus geboren ist. 

Amazing Grace

Ein bekanntes englischsprachiges geistliches Lied ist Amazing Grace (Erstaunliche Gnade). Es zählt zu den beliebtesten Kirchenliedern der Welt. 1972 kam es in einer Version der Royal Scots Dragoon Guards an die Spitze der britischen Charts. 

Die Entstehung des Liedes Amazing Grace ist auf ein Schlüsselerlebnis des Autors John Newton zurückzuführen. John Newton war Kapitän eines Sklavenschiffs. Am 10. Mai 1748 geriet er in Seenot, wurde jedoch gerettet, nachdem er Gott um Erbarmen angerufen hatte. Dieses Erlebnis sollte seinen weiteren Lebensweg prägen. Er blieb zwar noch einige Jahre Kapitän, behandelte jedoch die Sklaven von nun an menschlicher. Einige Jahre später gab er seinen Beruf ganz auf, wurde Geistlicher und trat gemeinsam mit William Wilberforce für die Bekämpfung der Sklaverei ein.

Amazing Grace ist also kein afroamerikanisches Spiritual, sondern fällt in die Kategorie der angloamerikanischen Spirituals.

Die bekannte Melodie, auch als New Britain bezeichnet, tauchte erstmals in einem Gesangbuch von 1831, dem Virginia Harmony, auf. Die Melodie ist pentatonisch. Ursprünglich soll sie auf amerikanische oder englische Wurzeln zurückgehen. Jedoch wird sie auch James P. Carrell und David S. Clayton zugeschrieben. Der ursprünglich zur Melodie gesungene Originaltext ist verloren gegangen. Der heute üblicherweise gesungene Text stammt von John Newton. Interessant ist die Harmonisierung, wie sie im Gesangbuch Southern Harmony von 1835 geboten wird. Charakteristisch ist für dieses Hymnenbuch, dass die Hauptmelodie in der Mittelstimme liegt und von jeweils einer darüber bzw. darunter liegenden Stimme leise begleitet wird.  

Amazing Grace, Noten
Amazing Grace, nach Southern Harmony, 1835, Public Domain, Wikimedia Commons
Englischer Originaltext Deutsche Übersetzung
Amazing grace, how sweet  the sound,

That saved a wretch like me!

I once was lost, but now I am found,

Was blind, but now I see.

Erstaunliche Gnade, wie süß der Klang,

Die einen armen Sünder wie mich errettete!

Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden,

War blind, aber nun sehe ich.

‚Twas grace that taught my heart to fear,

And grace my fears relieved;

How precious did that grace appear,

The hour I first believed!

Es war Gnade, die mein Herz Furcht lehrte,

Und Gnade löste meine Ängste;

Wie kostbar erschien diese Gnade

In der Stunde, als ich erstmals glaubte!

Through many dangers, toils and snares,

I have already come;

‚Twas grace that brought me safe thus far,

And grace will lead me home.

Durch viele Gefahren, Mühen und Fallen

Bin ich bereits gekommen;

Es ist Gnade, die mich sicher so weit brachte,

Und Gnade wird mich heim geleiten.

The Lord has promised good to me,

His word my hope secures;

He will my shield and portion be,

As long as life endures.

Der Herr hat mir Gutes versprochen,

Sein Wort macht meine Hoffnung sicher;

Er wird mein Schild und Teil sein,

So lange das Leben währt.

Yes, when this flesh and heart shall fail,

And mortal life shall cease;

I shall possess, within the veil,

A life of joy and peace.

Ja, wenn dieses Fleisch und Herz versagen,

Und das sterbliche Leben vergeht,

Werd‘ ich hinter dem Schleier führen,

Ein Leben voll Freude und Frieden.

The earth shall soon dissolve like snow,

The sun forbear to shine;

But God, who call’d me here below,

Will be forever mine.

Die Erde wird sich bald auflösen wie Schnee,

Die Sonne aufhören zu scheinen;

Doch Gott, der mich nach hier unten rief,

Wird ewig mein sein.

Weitere Weihnachtslieder in englischer Sprache

Eine reiche Auswahl an Texten zu englischen und amerikanischen Weihnachtsliedern ist auf den folgenden Websites zu finden:

http://www.santas.net/songs.htm

https://en.wikipedia.org/wiki/Category:American_Christmas_songs      

https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Christmas_carols

Quellen in deutscher Sprache

https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachten_weltweit       

https://de.wikipedia.org/wiki/Negro_Spiritual

https://de.wikipedia.org/wiki/Go_Tell_It_on_the_Mountain

https://de.wikipedia.org/wiki/Amazing_Grace                           

Quellen in englischer Sprache

https://www.timeanddate.com/holidays/us/christmas-day      

https://en.wikipedia.org/wiki/Christmas_traditions 

https://en.wikipedia.org/wiki/Category:American_Christmas_songs         

Notenquellen

Go Tell It On The Mountain: Thomas P. Fenner, Religious Folk Songs of the Negro as Sung on the Plantations (1909), Seite 174, Public Domain, archive.org:

https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive        

http://www.archive.org/stream/religiousfolkson00fenn#page/173/mode/1up   

Vgl. auch: Kurt Pahlen, Die schönsten Weihnachtslieder aus der ganzen Welt, Hug & Co., Zürich, Edition Hug 11582, Seite 104-105.

Amazing Grace: nach Southern Harmony, 1835 (dreistimmiger Satz mit Hauptmelodie in der Mittelstimme), von Brian Ammon, 04.09.2012, Public Domain, license CC0

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAmazingGrace.svg    

By Brian Ammon (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons 

Bildquelle

Rockefeller Center Christmas Tree 2016

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rockefeller_Center_Christmas_Tree_2016_(31016740890).jpg

Attribution/Urheberschaft:

Michael Vadon [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons